Ich betrete die Lobby. Die 80er Jahre grüßen mich. Verglaste Aufzüge rasen in der Mitte auf und ab. Ungelenk lege ich meinen Kopf in den Nacken. Die Kopfstütze hält mich und meinen Blick. Senkrecht nach oben zu schauen schaffe ich nicht. Es hätte aber auch keinen Zweck. Das Dach ist verglast und trotzdem scheint hier in die Eingangshalle kaum Licht hinein. 

Vom 5. Stock aus ist alles flach. Wir sitzen in einem Konferenzraum. 12 Menschen an dreißig Plätzen. Manche Teilnehmer scheinen eine ganze Ecke des Raums auszufällen, wenn sie sich mit ihren Titeln, Aufgaben und Positionen darzustellen versuchen. Sie sitzen alleine. Andere sitzen beisammen. Sie kennen sich entweder sehr gut, oder gar nicht. Alles dazwischen scheint eher eine Barriere zu sein. Es gibt Kaffee und Kekse am Platz. Auch heißes Wasser steht bereit. Die Teebeutel liegen am anderen Ende auf einem einsamen Tisch. 

Die nächsten acht Stunden werden Probleme gesucht. Versorgung von Menschen mit geistigen Behinderungen in Krankenhäusern ist das Thema. Das Problem scheint zu sein, dass diese Behinderten ohne Aufsicht aufschlagen. Wie von der Leine gelassen. Die Lösung ist schnell gefunden. Betreuer sollen im Krankenhaus willkommen sein. Nein, eigentlich haben sie immer da zu sein. Fixierung und Ruhigstellung: nein das wolle man nicht. 

Maggi Fix, denke ich. Wenn die kleine Maggi fixiert und mit Medizin zugedröhnt wird. Aber so fühle ich mich danach auch. Maggi Fix.

Die Lobby ist jetzt leerer, stiller und sogar etwas heller. Wandkanten sind mit glänzendem Metall geschützt. Der Boden schimmert. Ist das Marmor?

Ich fahre zum Kottbusser-Tor. Die U-Bahn grüßt ebenfalls aus den 80er Jahren. Ohne Worte und Miene legt mir der Führer die Rampe zum Wagon. Zwei Haltestellen später lässt er einen Herren im Rollstuhl stehen. Es ist voll, sagt er. 

Ich steige als einziger am Kottbusser-Tor aus. Im ersten Wagon ist es oft leer. Am Bahnsteig stehen die Leute in der Mitte. Zu den Rändern mag keiner laufen. Die Aufgänge befinden sich dort auch. Komisch. Gesellschaftlich rennen alle zu den Rändern. In der Mitte ist noch Platz. Aber hier in der Bahn, war es schon immer anders. 

Am Aufzug schlafen Obdachlose. Irgendwann müssen sie mit ihm heruntergefahren sein. Eine arme Seele spricht fremde Leute an. Er trinkt Bier. Man riecht das es nicht das erste ist. Er provoziert aggressiv. Ich trete ins Aquarium ein. Heute treffen sich hier alte Krüppel und aufrichtige Gebrochene. Bei Rotwein und Kalbsgulasch wird es eine Lesung geben. Auch der Herr mit dem Rollstuhl, der an der U-Bahn betrachtet wurde, ist schon da. Wie hat er das geschafft? 

Die Lesung beginnt. Am Ende kann man Selbstbewusstsein, Trotz und Lebensgelassenheit greifen. Behinderte Menschen haben ihre Gedanken verfasst. Akzeptanz: ja. Zufriedenheit: ich glaube nicht. Alle sind sehr nett und klug. Draußen ist es dunkel. Der pöbelnde Mann ist noch unterwegs. Ich steige in den Bus. Nach kurzer Strecke rasen Polizeiautos und Krankenwagen an uns vorbei. War es der Mann? Sind das Vorurteile? Ich gehe schlafen. 

 

Der Aufzug ist klein und es ist stickig warm. Auf dem großen Platz des Holocaust-Denkmals ist er der einzige herausstechende Aufbau. Er ist für meinesgleichen privilegiert. Vier Räume mit Gesichtern, Leben und Tod zeigen den Untergang des Menschen. Auf dem Audioguide gebe ich jede Ziffer ein und höre geduldig zu. Dann überspringe ich eine Zahl. Im dritten Raum bleibe ich nur kurz stehen. Ich habe die Botschaft schnell verstanden. Tausende Namen von Opfern und deren Geschichten werden hier vorgetragen. Eine höre ich mir an. Nach wenigen Momenten drängt es mich in den letzten Raum. Ganz Europa ist betroffen. Eine Karte mit Täterorten findet sich dort. Wo liegt der gelbe Punkt? Leipzig, Dresden oder auch schon Chemnitz? Dem gegenübergestellt sind heutige Aufklärungs- und Erinnerungsorte. Hameln mit dem Reichserntedankfest, dem größten Aufmarschplatz nach dem Parteitagsgelände in Nürnberg, finde ich dort nicht. 

Es gibt einen Souvenirladen im Holocaust-Denkmal. Es ist das Ende der Ausstellung. Wirkt alles falsch, denke ich mir. Ich trete ein und kaufe ein Buch über die Aktion T4. Sie haben es sogar in Leichter Sprache. Ich denke wieder an Maggi Fix. 

Der Tag ist noch nicht vorbei. Jetzt sitze ich im Tiergarten. Craftbeer. „Britisches Malz trifft US-Aromahopfen“. Mit meinem Assistenten habe ich über Verantwortung diskutiert. Er hasst Erdogan. Armenien ist schwierig. Ich kenne mich nicht aus. Bei Israel muss ich tief durchatmen. 

Neben dem Buch habe ich mir im Souvenirladen noch etwas anderes gekauft. Das Bild ist grau. Die Stelen aus Beton sind farbig gedruckt. Primo Levi, mit dem die Ausstellung eröffnet wird, ist zitiert: 

„It happened, therefore it can happen again: this is the core of what we have to say“.

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