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Westliche Aufklärung?

Das sagt zumindest Ralph Lorenz vom digitalen Provinz-Blättchen „Weserbergland-Nachrichten.de“.
Seine These: „Der Karneval gehört zu Deutschland, nicht der Islam!“.

Karneval in Mesopotamien

Bevor ich mich dem Islam zuwende, möchte ich erst einmal überprüfen, inwiefern denn der Karneval zu Deutschland gehört: Erste Hinweise auf Vorläufer des Karnevals findet man bereits vor 5000 Jahren in Mesopotamien, im heutigen Irak und Syrien. Im Laufe der Zeit verbreitete sich der Brauch auf fast alle Länder im Mittelmeerraum. Die Ägypter zelebrierten es zur Huldigung der Göttin Isis und die Griechen feierten für ihren Gott Dionysos.
Erst im Mittelalter verband sich die Tradition auch mit der christlichen Geschichte. Zunächst aber um sie zu parodieren. Selbst ein Pseudopapst wurde angeblich gekürt.[1] Heute wird Karneval in der einen oder anderen Form auf allen sieben Kontinenten zelebriert. Der Karneval gehört also nicht (nur) zu Deutschland, sondern eher zur menschlichen Folklore.

Gehören

Der Duden [2] definiert das Verb „gehören“ unter anderem mit: „Glied oder Teil eines Ganzen sein, zu etwas zählen“. Wenn der Islam also nicht zu Deutschland gehört, kann er hier also kein Teil des alltäglichen Lebens sein. Dies ist aber ganz offensichtlich der Fall und jeder, der etwas anderes behauptet leider unter akuter Realitätsverzerrung. Auf der einen Seite stellt Herr Lorenz also fest, dass der Islam nicht Teil der bundesdeutschen Realität sei, auf der anderen Seite lobt er die Deutschen gerade für das Vorhandensein des Islams und der sich zu diesem verbundenfühlende Personen:

“Es spricht für die Deutschen, dass diese Menschen zum Alltagsbild gehören […]”

Wie verspottet müssen sich muslimische Menschen in Deutschland fühlen, wenn sie auf der einen Seite eben nicht wie von Herrn Lorenz versprochen selbstverständlich an der Gesellschaft teilhaben dürfen [3 nur eines von unzähligen Beispielen] und auf der anderen Seite dann ausgerechnet die hier lebende Bevölkerung für die Integration gelobt wird?

Aufgeklärter Westen

„Eines lassen wir uns nicht nehmen. Das ist die westliche Art der Lust am Leben. Die Fröhlichkeit, die ausufernde Phantasie der Lebensgestaltung. Das Lachen lassen wir uns nicht nur am Rosenmontag und am Faschingsdienstag nicht verbieten.“

Über solche Sätze freuen sich Liberale. Zu schade, dass es davon immer weniger gibt. Wie offen die „westliche Art […] am Leben“ in Deutschland mit der Lebensgestaltung des Einzelnen umgeht, erleben täglich Homosexuelle und Transgender. Diese Offenheit zeigt sich wohl dann, wenn gegen aufklärenden Sexualkundeunterricht in Baden-Württemberg [4] demonstriert wird. Und nein, das Lachen, Feiern und Tanzen lassen wir uns natürlich nicht wegen religiöse, unaufgeklärte Spinner verbieten. Außer natürlich durch die christliche Kirche, die in allen Bundesländern sogenannte Tanzverbote [5] gesetzlich verankern konnte.

„Das Lachen ist die Waffe der Freigeister gegen die Kontroletties aus den vorvergangenen Jahrhunderten und ihren fundamentalistischen Geisterbahnen. Unsichere Mitmenschen haben Angst vor dem Humor, der auch eine kulturelle Leistung ist. Sollen doch die Miesepeter in den Keller gehen und sich vor der Realität der Aufgeklärtheit unseres Jahrhunderts hinter ihren Denkverboten verstecken. Wenn Kölner Jecken-Funktionäre mit ängstlichem Blick auf möglicherweise beleidigte Islamisten- und Fundamentalisten-Krämerseelen Motivwagen politisch entschärfen, verraten sie das Wesen des rheinischen Karnevals.“

Wie gut, dass man in unserem Lande ungehemmt lachen darf. Gerade auch über die Religion. Was? Ach das ist auch reglementiert? § 166 I StGB: „Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses […] beschimpft […] wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Es gibt nicht wenige Menschen, denen die aktuelle Formulierung noch nicht weit genug geht, oder die die konkrete Anwendung dieses Paragraphens vermissen. So wurde die Satirezeitschrift Titanic, quasi das deutsche pendant zur französischen Zeitschrift Charlie Hebdo, 2012 durch die katholische Kirche mit einer Unterlassungserklärung genötigt und Thomas Goppel, CSU-Bundestagsabgeordneter, formulierte dazu es dürfe kein Spott und Hohn gegen „heilige Personen, heilige Schriften, Gottesdienste und Gebete sowie heilige Gegenstände und Geräte aller Religionen“ zugelassen werden. Er gilt als Unterstützer eines schärferen Blasphemiegesetz: „Wer nicht so zu seinem Anstand findet, der braucht ein Gesetz“.
Soviel also zur westlichen Offenheit und Meinungs- und Lachfreiheit.

Über AfDler, Pegidas und sonstigem ausländerfeindlichen und intoleranten Pack ist da noch gar nicht gesprochen. Und auch nicht darüber, wie in alles in der Welt es noch immer Menschen gibt, die ganz offensichtlich die Taten von Extremisten, die nicht im Geringsten etwas mit (irgend)einer Religion zu tun haben, auf eine ganze Bevölkerungsgruppe übertragen. Und ja, es ist auch noch nicht darüber gesprochen, wieso angenommen wird, eine andere religiöse Haltung könne sich nicht mit “westlicher Lebensart” vertragen und warum wie selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass es ja nur ausländische, also migrierte Muslime geben kann, obwohl es nachweislich eine Menge an muslimischen Bundesbürgern gibt.

„Mehr als vier Millionen Menschen aus islamischen Ländern leben in Deutschland. Sie sind herzlich willkommen. Das war’s auch schon.“, so Herr Lorenz.

Dieses Willkommenheißen muss dann auch die erwähnens- und lobenswerte Leistung der Deutschen sein. Mehr darf oder soll nicht sein. Ich glaube ja eher, einige sind zu wenig aufgeklärt oder haben unsere westlichen Grundwerte nicht verinnerlicht.

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