Ach Deutsche Bahn Personenverkehr,

ich weiß, wir haben eine nicht ganz einfache Beziehung. Du bist manchmal störrisch, bockig und hin und wieder auch brummelig. Aber ich bin ja nicht besser: Immer in Eile, ungeduldig und oft viel zu kritisch. Und dann auch noch diese blöde Sache mit dem Rollstuhl. Bei jedem Ein- und Aussteigen bringe ich deinen gut getakteten Tagesrythmus durcheinander, du musst dich extra um mich kümmern und in deiner Wohnung ähh Zug nehm ich auch noch so viel Platz ein. Ich verstehe, dass das nicht „optimal“ ist.

Trotzdem hast du dich all die Jahre um mich bemüht. Naja, okay, am Anfang musste man dir mit Gesetzen und Protesten nachhelfen. Aber jetzt, da du gemerkt hast, dass man mit „Barrierefreiheit“ so toll Mammutprojekte begründen kann und die ganzen Bahnromantiker ja auch in die Jahre kommen, da gehst du richtig auf mich ein. Toll!

Also wenn ich es mir recht überlege, muss ich immer auf dich eingehen. Wenn ich mal mit meinen Jungs einen Männerabend verbringen möchte, dann soll ich das immer drei Tage vorher anmelden und manchmal sagst du mir dann, dass das gar nicht geht, weil ich dir mal wieder beim Reparieren von Aufzügen und Rampen zusehen soll. Und jedes Mal, wenn wir gemeinsam auf Reise gehen wollen, muss ich dir wieder neu erklären, wer ich bin. Ob ich überhaupt die Berechtigung für deinen extra Service habe oder wie groß und breit ich bin. Natürlich verstehe ich das. Das Gelaber von innerlicher Schönheit ist ja nur ein Teil der Wahrheit …

Manchmal würde ich mich auch gerne mal von dir verwöhnen lassen; mich so richtig 1. Klasse fühlen. Dann würde ich bei dir frühstücken, eine aktuelle Zeitung lesen, die Beine lang machen und hinterher vielleicht in eine schöne Lounge setzen. Aber das Betteln darum kann ich mir schenken. 1. Klasse für mich, dass gibt es bei dir für mich nicht.

Das du nicht der zuverlässigste Zeitgenosse bist, das wissen nicht nur deine Freunde. Aber dein schlechtes Improvisationsvermögen scheinst du nur mir zu zeigen. Es ist okay wenn mal was schief geht oder du einfach einen wichtig Termin von mir vergisst. Aber wenigstens eine kurzfristige Lösung könntest du anbieten.

Aber jetzt machst du alles wieder gut. Du willst mir ein Geschenk machen. Sogar was ganz besonderes, nur für mich. Nicht so was billiges von der Stange, nein, selbst gemacht. Darauf stehe ich total! Du nennst dein Geschenk ganz unprätentiös „DB Barrierefrei – App„.
Vielleicht wird das ein echter Neuanfang für unsere Beziehung. Immerhin hast du dir viel Mühe gemacht.

Beim genaueren Hinsehen kommen mir aber Zweifel. Verfolgst du vielleicht ganz andere Interessen? Damit uns endlich nichts mehr dazwischen kommt und wir mehr Zeit miteinander verbringen können, kann ich zukünftig schon in meiner Wohnung nachschauen, ob bei dir mal wieder so viel Chaos los ist, dass ein gemeinsamer Ausflug gar nicht funktionieren würde. Aber da muss ich schon nachhaken: Warum bemühst du dich nicht einfach um mehr Ordnung? Warum scheitert es denn immer an dir und warum kannst du dich nicht von selbst um eine Alternative kümmern?

Aber wo wir gerade bei „mehr Zeit miteinander verbringen“ sind: Warum können wir uns oft nur tagsüber treffen? Willst du denn gar nicht mal einen schönen Sonnenaufgang sehen oder mit mir ins Theater gehen? Deine blöde Attitüde oft nur bis 20 Uhr oder sogar früher Zeit mit mir zu bringen ist echt nervig und kindisch.

Überhaupt! Seit Jahren muss ich dir mit jedem Scheiß hinterher laufen. Für jede Kleinigkeit muss ich bei dir minutenlange Telefongespräche führen – natürlich auf meine Telefonkosten! Jedes mal stellst auch die gleichen doofen Fragen. Warum kannst du dir nicht einfach merken wer ich bin? Warum kann ich nicht, wie all deine anderen Freunde, mich mit dir verabreden. Meinetwegen lasse ich dir auch vorher eine Notiz liegen, damit ich dich nicht mit meiner Anwesenheit überfalle. Aber bilde dir ja nicht ein, dass ich mich jedes Mal erst wieder neu vorstelle, so wie derzeit!

Ehrlich: Das kann noch was mit uns werden und ich mag dich ja auch wirklich sehr. Aber es ist an der Zeit, dass DU dich änderst und mir endlich zuhörst! Behandel mich doch einfach mal wie all deine anderen Freunde, mehr will ich gar nicht. Hör endlich auf, dir deine Telefonkosten von mir bezahlen zu lassen. Lass mich bitte genauso Termine mit dir vereinbaren ohne das ich in deinem Formular jedes Mal wieder alles von vorne eintragen muss. Das ist auch billiger als eine extra App. Und auch wenn es sich komisch anhört: Ich würde gerne mehr Zeit mit dir verbringen. Hör doch einfach auf, mich auf bestimmte Zeiten und Orte zu begrenzen.

Es gibt aber auch Hoffnung für uns zwei! Obwohl du nicht gerade eine 10 bist, gibt es einfach niemand besseren. Diese blöde Fernbustante oder diese arrogante Flugzeugtussi guck ich mir noch nicht einmal von der Seite an. Ich würde es ja mit denen versuchen, aber ich habe keine Lust mir nur Abfuhren anhören zu müssen.
Also komm, liebe Bahn, rappel dich auf, hör mir ein bisschen zu und fang endlich an ernsthaft an dir zu arbeiten und lass diese billigen Geschenke sein. Darauf kommt es mir wirklich nicht an.

Ach, was ich noch ganz vergessen habe: Findest du es nicht eigentlich auch manchmal so langweilig, nur wir zwei? Ich habe schon oft gefragt ob mal ein paar Freunde mitbringen darf, aber du hast meist nur Platz für zwei. Das ist echt doof, denn entweder kann dann nur ich kommen oder die anderen Freunde. Aber mit mehr Leuten macht das doch gleich viel mehr Spaß. Schade übrigens, dass du bei deiner allerneusten Wohnung, dem ICE4, nichts geändert hast. Immer noch bin ich nur 2. Klasse für dich und mehr Freunde darf ich auch nicht mitbringen. Im Gegenteil, offensichtlich bin ich dir auch noch zu dick, denn deinen Flur scheinst du ja extra eng gemacht zu haben.