Gestern deckte das Team Wallraff zur besten Sendezeit auf RTL menschenverachtende Missstände in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen auf. Spastiker werden für unkontrollierte Handlungen bestraft, inkontinente Personen in ihrem Urin sitzen gelassen oder eine junge agile Frau mit geistiger Behinderung mit allen Mitteln versucht zur Ruhe zu bringen. Gleichzeitig finanziert die Bundesagentur für Arbeit Fördermaßnahmen, die von Werkstattbetreibern zum Abfertigen von Massenaufträgen missbraucht werden.

Alles nur Einzelfälle?

Bereits vor einigen Monaten machte Raul Krauthausen ähnliche Erfahrungen. Er ließ sich, ebenfalls undercover, selbst in eine Gemeinschaftseinrichtung mit Kurzzeitpflege bringen. Dort erlebte er stupide Tagesabläufe, fehlende Unterstützung zur Selbstbestimmung und Mitarbeiter, die lieber rauchen gingen, statt zu helfen.Trotzdem hört man immer wieder den Vorwurf, es würde sich ja nur um Einzelfälle handeln. Ein strukturelles Problem wird verneint. Daran kann man aber berechtigte Zweifel haben. Sucht man auf Google nach „Skandal + Behindertenheim“ lassen sich viele recherchierte Storys von Fernsehsender und Zeitungen finden – viele nicht älter als zwei Jahre. Für Betroffene, gerade in Einrichtungen für geistig- und mehrfachbehinderte Menschen, ist es kaum möglich Missstände anzuprangern. Kontrollen von Behörden finden, wenn überhaupt, vorangekündigt statt und Einzelgespräche mit Bewohnern fast nie geführt. Aber selbst wenn Probleme durch Betroffene oder Familien benannt werden, wird diesen nur selten Glauben geschenkt. Die Situationen könnten ja von Betreuern und Mitarbeitern viel besser eingeschätzt werden, als von Betroffenen selbst.

Reaktionen

Viel mehr Wut und Angst als die tatsächlichen Beispiele, die immer wieder publik werden, sind aber Reaktionen von Betreuern, Pfleger und leitenden Angestellten. Wer gestern unter dem Hashtag #TeamWallraff nachsah, konnte unzählige solcher Bemerkungen finden:

Screenshot, da ich blockiert wurde.

 

 

 

 

Die Antworten auf Missstände sind immer wieder gleich: Wir brauchen nur mehr Personal und einen besseren Lohn, dann behandeln wir Schutzbefohlene auch besser. Statt sich also hinter Betroffene zu stellen und auf diejenigen zu zeigen, die die Täter sind, macht man sich selbst zum Opfer.
Aber was macht eigentlich die Lebenshilfe, die in allen drei Fällen der Gesellschafter der Einrichtungen ist und bundesweit „rund 4.100 Dienste und Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung und ihrer Familien“ betreibt?

Die versucht die genannten Fälle in drei (!) verschiedenen Einrichtungen, als Einzelfälle (widerspricht sich im Wortsinne) darzustellen:

Wir unterstützen, dass die in der Reportage gezeigten Einrichtungen ihre Aufsichtsbehörden eingeschaltet und die Übergriffe angezeigt haben, um das Fehlverhalten aufzuklären und abzustellen. In den Diensten und Einrichtungen der Lebenshilfe wird gute Arbeit geleistet. Das in der Sendung gezeigte Verhalten von Mitarbeitern wird nicht toleriert. – Lebenshilfe Bundesverband auf Facebook.

Es wurden also ausschließlich in den gezeigten Einrichtungen Behörden eingeschaltet und generell sei man „beunruhigt“ und wolle weiter „beobachten und versuchen aufzuklären“. Die Lebenshilfe NRW beispielsweise versucht die Verantwortung auf die regionalen Vereine abzuwälzen.

Auch wenn formell der Landesverband nicht Gesellschafter ist, so sind die Vereine der betroffenen Einrichtungen Mitglieder im Landesverband. Die Satzung dort regelt solche Situationen übrigens klar und deutlich:

Satzung in der Fassung vom 8. November 2014
§ 6 Abs. 2: Die Mitgliedschaft endet durch: […] b) Ausschluss durch den Vorstand bei verbandsschädigendem Verhalten oder aus sonstigen wichtigen Gründen

Wenn die Lebenshilfe also nicht in Verbindung gebracht werden will, mit diesen Einrichtungen und anderen Fällen, die immer wieder publik werden, sollte sie durchgreifen. Denn dann, das regelt die Satzung, darf auch der Name „Lebenshilfe“ und das Logo nicht weiter verwendet werden (s. Satzung § 6 Abs. 6). Aber statt eben hart vorzugehen beschwert sich die Lebenshilfe Speyer erst einmal über RTL:

Die Lebenshilfe Speyer-Schifferstadt hatte sich gestern Nachmittag mit einer Erklärung an die Presse gewandt, in der sie vor Ausstrahlung der RTL-Sendung Stellung bezog. Sie wirft darin dem Infonetwork RTL vor, die Privatsphäre der Bewohner bewusst verletzt zu haben. […]

Auf RHEINPFALZ-Anfrage berichtete der Lebenshilfe-Geschäftsführer Michael Thorn: „Wir haben sofort nach dem Erhalt des Schreibens die Beratungs- und Prüfbehörde eingeschaltet. Mittlerweile lassen wir uns von der Kanzlei Schertz Bergmann vertreten, wie die übrigen Einrichtungen auch. Die Mitarbeiter haben zudem Anzeige erstattet.“ Schertz Bergmann ist vor allem jüngst dadurch bekannt geworden, dass die Kanzlei Jan Böhmermann im Rechtsstreit gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan vertritt.

Das es sich am Ende um ein strukturelles Problem handelt, wird nicht zuletzt durch die Aussagen der Lebenshilfe Speyer selbst klar:

„Wir haben jeden von RTL angesprochenen Punkt mit den Mitarbeitern geklärt“, sagt Thorn. So sei beispielsweise den rund zehn Mitarbeitern vorgeworfen worden, die zwölf Bewohner nicht ordnungsgemäß zu betreuen. „Das konnte geklärt werden: Die Mitarbeiter haben uns erklärt, warum sie aus medizinischen oder anderen Gründen so handeln“, berichtet Thorn.

Was diese anderen Gründe sein könnten, verriet die Lebenshilfe allerdings nicht.
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung wird schon seit Jahren die Struktur der Sonderwelten in Deutschland kritisiert. In der Soziologie wird für die Problematik der Begriff der „Totalen Institution“ verwendet. Damit sind Strukturen gemeint, die sämtliches Handeln im Leben regelt oder kontrollieren möchte.

Eine Totale Institution weist nach Goffman folgende Merkmale auf:

  • Totale Institutionen sind allumfassend. Das Leben aller Mitglieder findet nur an dieser einzigen Stelle statt und sie sind einer einzigen zentralen Autorität unterworfen.
  • Die Mitglieder der Institution führen ihre alltägliche Arbeit in unmittelbarer (formeller) Gesellschaft und (informaler) Gemeinschaft ihrer Schicksalsgefährten aus.
  • Alle Tätigkeiten und sonstigen Lebensäußerungen sind exakt geplant und ihre Abfolge wird durch explizite Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben.
  • Die verschiedenen Tätigkeiten und Lebensäußerungen werden überwacht und sind in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen.

Das erklärt auch, warum viele der Betreuer der Meinung sind, Sonderwelten sind die perfekten Lösungen für Menschen mit Behinderungen. Denn eine Folge der totalen Institution im Verhalten der „Insassen“ ist die totale Anpassung an die Verhältnisse: „Der Insasse nimmt den Ausschnitt der Außenwelt, den die Anstalt anbietet, für die ganze, und aus den maximalen Befriedigungen, die in der Anstalt erreichbar sind, wird eine stabile, relativ zufriedene Existenz aufgebaut.“

Was kann die Lösung sein?

Drei Möglichkeiten zur Lösung des Problems bieten sich an.

  1. Trennung von Beratung, Leistungserbringung und Kontrolle
    Betreiber von Behinderteneinrichtungen dürfen sich ihre Kunden nicht selbst durch gezielte „Beratung“ schaffen. Erst recht darf diesen die Kontrolle nicht selbst überlassen werden. Eine Möglichkeit können Peer-Evaluationen sein.
  2. Kleinere, inklusive und unabhängigere Angebote schaffen
    Immer noch gibt es viel zu wenige kleine und ambulante Wohnformen für Menschen mit (geistigen) Behinderungen. Es gibt eine Fülle an positiven Beispielen wie Wohngruppen gut, inklusiv und teilhabeorientiert funktionieren können.
  3. Abschaffung der Sonderwelten
    Auch wenn dies natürlich ein langfristig Weg ist, so gehören sämtliche Sondereinrichtungen, von Schulen, über Werkstätten bis hin zu Heimen in inklusive Formen überführt und auch die Frage nach der Notwendigkeit von „sinnloser Beschäftigung“ nur zum Willen des Arbeitens muss gestellt werden.

Aber schon bei der ersten Möglichkeit wird es schwierig. Solche Maßnahmen müsste die Politik einleiten. Leider ist diese bis ins Tiefste mit den großen Anbietern von Einrichtungen, allen voran der Lebenshilfe, in einem heillosen Sumpf verstrickt. Viele Vorstände auf Landes- und Bundesebene der Lebenshilfe sind mit Politikern besetzt. Vorsitzende der Lebenshilfe Deutschland ist beispielsweise die Vize-Parlamentspräsidentin des Deutschen Bundestags, Ulla Schmidt MdB. Vorsitzender der Lebenshilfe NRW ist der Beauftragte für Behindertenfragen der CDU, Uwe Schummer, MdB.

Persönlicher Abschluss

Nein, es gibt keinen Plural von Einzelfall. Die Misshandlung und Verwehrung von Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ist in Deutschland an der Tagesordnung. Wer Probleme benennt, wird für Verrückt erklärt und belächelt – man solle doch froh sein wie es ist. Die Strukturen führen zu lineare und immer gleichen Biographien: Behinderung -> Sonder-/Förderschule -> Werkstätten -> Heim. Ein Ausbrechen ist nicht vorgesehen. Angebliche Förderungen werden als Quersubventionierung oder Beschäftigung missbraucht und alternative Formen ausgebremst. Inklusion bedeutet, Systeme an den Menschen auszurichten. Heute wird das Gegenteil praktiziert, gerade von denen die nach außen glamorös für „Inklusion“ werben – „ihre Inklusion“.