„Geld regiert die Welt“ – dieser geflügelte Satz, welcher erstmals im Wörterbuch „Teütsche Sprach und Weißheim“ aus dem Jahr 1616 dokumentiert wurde, spiegelt heute wie lange nicht mehr eine gefühlte Gefahr für alle Lebensbereiche dar. Auch im Leben von Menschen mit Behinderungen dreht sich ständig alles ums Geld. Ob es um die Beantragung von teuren Hilfsmitteln geht, das Recht auf ein eigenes Einkommen und Vermögen oder die Frage danach, ob ArbeiterInnen in Behindertenwerkstätten einen Lohn oder nur ein Taschengeld bekommen sollten. Gleichzeitig stellt es aber auch eine Hoffnung für Viele dar. Denn in unserer Gesellschaft bedeutet der Besitz von Geld die Möglichkeit, Dienstleistungen und Gegenständen zu erwerben, die man selber nicht erzeugen kann oder will. Gerade für Menschen mit Behinderungen bedeutet dies: Problemstellungen, die in Kombination durch ihre eigene Behinderung und der Umwelt eintreten, können durch das Einkaufen von Leistungen und Gegenständen aufgehoben oder gemildert werden. Dabei sind Menschen mit Behinderung wie keine andere Gruppe auf den Eintausch von Finanzmitteln in Produkten angewiesen, da die Möglichkeit zur Erbringung von eigenen Leistungen meist sehr limitiert sind. Gerade durch diese hohe Abhängigkeit von Produkten der Arbeit Dritter scheint es fast unmöglich die individuellen Bedürfnisse anders als durch das selbstständige Konsumieren des Betroffenen befriedigen zu können.

Zielgruppe

Immer mehr geschäftstüchtige Unternehmer erkennen, dass die Gruppe der Menschen mit Behinderungen eine lohnenswerte Zielgruppe ist. Heute ist es mehr behinderten Menschen als je zuvor möglich eigene Konsumentscheidungen zu treffen. Wo früher die Produkte für die zu „betreuende Person“ von Dritten ausgewählt wurden und es häufig nur einen Anbieter oder kaum differenzierte Produkte gab, wandelt sich das Bild. Menschen mit Behinderungen fordern gleiche Eigenschaften von Produkten und Dienstleistungen ein. Sie wollen als Kunden mit eigenen individuellen Ansprüchen angesehen werden. Nicht sie haben sich den angebotenen Produkten anzupassen, sondern der Markt muss sich auf die Bedürfnisse der Menschen anpassen; ja, Menschen mit Behinderungen wollen genauso umworben werden, wie andere Konsumenten auch – eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Für viele Anbieter in betreffenden Branchen ist das aber eine recht neue Entwicklung. Reichte es früher „Dritte“ rein anhand von finanziellen oder funktionalen Merkmalen zu überzeugen ohne direkt auf den eigentlichen Konsumenten einzugehen, müssen sie sich nun anpassen. Wer diese Entwicklung frühzeitig erkennt, kann erfolgreiche Start-Ups gründen. Besonders deutlich wird dies in der Mode-Branche. Gab es vor einigen Jahren beispielsweise noch keine Kleidung speziell für Rollstuhlfahrer oder war diese rein auf Funktionalität ausgerichtet und in Sanitäts- und Rehafachgeschäften anzutreffen, entwickelt sich derzeit eine, mal mehr mal weniger, modebewusste Textilienbranche. Neben alteingesessenen Unternehmen wie Rollimoden entstanden weitere Anbieter wie Rollitex oder Rolling-Pants. Gleiches gilt für andere Branchen wie Tourismus, Gastronomie, Mobilität, Autoumrüster, usw.

Profiteure

Aber leider kann nicht jeder profitieren. Einerseits wären da die Menschen mit Behinderungen als Konsumenten. Aufgrund der oft behinderungsbedingten, individuellen Anfertigungen sind kaum Massenproduktionen möglich, die Kosten für die Produzenten, wie auch die Konsumenten entsprechend hoch. Da aber vielen Menschen mit Behinderung in Deutschland keine Möglichkeit auf eine sozialversicherungspflichtigen Arbeit gegeben wird bzw. die gesetzlichen Grundlagen so sind, dass Menschen mit einem hohen Hilfebedarf kaum eigenes Einkommen und Vermögen haben dürfen, wird von politischer und wirtschaftlicher Seite diese Branche als Wachstumsmarkt künstlich klein gehalten.
Auf der anderen Seite profitieren gerade Menschen mit Behinderungen als Arbeitnehmer nur in den seltensten Fällen von den sich neu etablierenden Unternehmungen. Nur die allerwenigsten Neugründungen erfolgen durch behinderte Menschen selbst. Und wenn doch, dann nur unter Zuhilfenahme von Fördergeldern oder anderen Investitionen Dritter. Logisch, sie selber haben ja meist kein signifikantes Vermögen, welches sie einsetzen könnten.

Unternehmertum von Menschen mit Behinderungen

Dabei wäre es so wichtig, dass Finanzmittel die in die „Behinderten-Community“ fließen, auch dort verbleiben und in einen Kreislauf eintreten. Heute stellt es ein enormes Risiko für Unternehmen dar sich zu engagieren, da die kritische Masse an kaufkräftigen Kunden kaum vorhanden ist. Eine feste Etablierung eines „Mittelstandes“ der Behinderten kann dem entgegenwirken. Dazu braucht es aber mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze und vor allem mehr behinderte Menschen, die entweder selber die strategische Leitung in Unternehmen inne haben, oder zumindest einen hohen Einfluss besitzen.
Was wir brauchen ist ein Unternehmertum von Menschen mit Behinderungen!